Inspektionsreise nach Indien


Die private Spendeninitiative The Life to Share  hat ca. 250.000 Euro für Hilfsprojekte in aller Welt gesammelt. Hartmut Bannert berichtet von einer denkwürdigen Reise nach Indien, wo er sich für „The Life to Share“ von der Verwendung der Gelder überzeugt haben.

Bischof Maipan

Im Jahr 2016 hatte uns der indische Bischof Paul Maipan besucht. Bischof Maipan hielt in diesem Sommer in verschiedenen Gemeinden am Starnberg See in Bayern eine Predigt zum Thema Barmherzigkeit. Der Bischof wies in diesem Zusammenhang auf die große Not, das Leid und das Elend in vielen Teilen der Welt hin und bat um Unterstützung im Sinne der Barmherzigkeit.

Nach dieser Predigt wurde im Rahmen des Projektes „The Life to Share“ in den bayerischen Kirchengemeinden Aufkirchen und Percha gesammelt, um Trinkwasser-Brunnen in den Dörfern der Dalits, den indischen Ureinwohnern, den Ausgegrenzten, zu graben. Mit dem Spendengeld konnten 20 Brunnen gebaut werden. Es wurden auch Spenden gesammelt, um Mädchen und jungen Frauen eine Ausbildung zu Schneiderinnen zu ermöglichen und ihnen zum Abschluss eine Nähmaschine als Start in die Selbständigkeit zu schenken. Insgesamt erhielten nahezu 100 Frauen diese Möglichkeit, ihr Leben künftig selbst zu bestimmen.

 

Bischof Paul Maipan wies aber auch darauf hin, dass es nicht nur wichtig ist, den Ärmsten der Armen mit Nahrung, Trinkwasser, medizinischer Versorgung und der Möglichkeit einer Ausbildung zu helfen, sondern ihnen auch zu ermöglichen,  ihren Glauben leben zu können.

Konkret bat er darum, ihn beim Bau von Dorfkirchen zu unterstützen. Diesem Appell sind viele unserer Mitbürger gefolgt und haben großzügig gespendet. An den anschließenden Kollekten in Percha und Aufkirchen hatten sich rund 100 Kirchgänger beteiligt. Insgesamt kamen dabei 2.700 Euro zusammen. Durch großzügige Einzelspenden wurde ein Gesamtbetrag von 16.000 Euro zum Bau einer Dorfkirche erreicht.

Die Kirche St. Mary, der Heiligen Maria gewidmet, wurde in Venkatapuram nach einer Bauzeit von sechs Monaten fertiggestellt. Bischof Paul Maipan hat uns zur Einweihung von St. Mary eingeladen. Wenn ich sage „uns“, dann meine ich meine Mitreisenden Wolfgang Sagmeister, Direktor des Gymnasiums der Benediktiner Abtei Schäflarn, der den Bischof seit 18 Jahren bei seinen Besuchen in Deutschland betreut. Auch Abt Petrus von der Benediktiner Abtei in Schäftlarn hatte sich der Reisegesellschaft spontan angeschlossen. Es war ein lebenslanger Wunsch von ihm, nach Indien zu reisen. Ein Land mit einem Jahrtausende alten großen kulturellen Erbe und dem Hinduismus, einer der großen Weltreligionen.

Also wurde die Reise geplant mit allen Vorkehrungen, wie sie uns von erfahrenen Indienreisenden als Ratschlag mitgegeben wurden: Mittel gegen Durchfall, Antibiotika im Falle von Infektionen, Mückenspray für Körper und Kleidung gegen Malariainfektionen und nicht zu vergessen – so etwas Profanes wie Toilettenpapier und Desinfektionsmittel! Natürlich auch etwas Warmes für kühle Abende. So ausgerüstet, machten wir uns auf den Weg von München über Abu Dabi nach Hyderabad, einem der großen internationalen Flughäfen Indiens.

Nachts um zwei Uhr kamen wir dort nach einer elfstündigen Flugreise an. Um diese Zeit noch bei 35 Grad! „Gut“, dass wir auch etwas Warmes dabei hatten… Vier Stunden nach Khammam Wir waren aber noch lange nicht am Ziel. Vom Flughafen ging es nun in einer vierstündigen Autofahrt nach Khammam, dem Sitz des Bischofs. Vorne im Auto der Fahrer, ein Priester und wir drei, nicht ganz schlanken aus Deutschland, quetschten uns auf dem Rücksitz eines japanischen Autos. Buchstäblich gerädert kamen wir dann um sechs Uhr morgens in Khammam an.

Die Nacht wich gerade der aufgehenden Sonne. Ein großartiges Schauspiel, denn in Indien geht die Sonne in ganz kurzer Zeit auf und unter. Die Dämmerung dauert hier nur sehr kurz und dann wird es schlagartig hell bzw. am Abend dunkel. Nach der Begrüßung gab es Frühstück – Reis, Hühnchen, scharfe Saucen und Wasser. Ungewohnt für Europäer, die Kaffee, Brötchen, Wurst, Käse, Marmelade und Joghurt vorziehen. Dösen bei 36 Grad Wir durften zwei Stunden kurz dösen – bei 36 Grad! Dann legte Bischof Paul Maipan ein toughes Tagesprogramm vor. Wir sollten nahezu alle Ecken seiner Diözese mit dem Auto besuchen – ein Gebiet so groß wie Oberbayern. Immer in der gleichen Sitzordnung: auf den Vordersitzen der Bischof und sein Fahrer. Wir drei auf dem Rücksitz zusammengequetscht. Gott sei Dank ein Auto mit Klimaanlage! Wir besichtigten viele der sozialen Projekte, die Paul Maipan in den zwanzig Jahren als Bischof von Khammam ins Leben gerufen hat: 70 Priester in 64 Pfarreien, 400 Missionsschwestern, die alle Projekte betreuen, zudem 18 Schulen, in denen gut 4.000 Kinder aus den umliegenden Dörfern zur Mittleren Reife und einige sogar zum Abitur gebracht werden. Nur mit einer sehr guten Schulbildung haben diese Kinder die Chance, die Grenzen des Kastenwesens in Indien zu durchbrechen, zu studieren und so einen Job zu bekommen.

Die Schüler sind riesig begeistert von ihrem Unterricht und freuen sich jeden Tag, in die Schule zu dürfen.

Es gibt auch Schulen für taubstumme und blinde Kinder –  ein gewaltiges Projekt. Aber nicht genug:  Pflegeheime für Behinderte, eine mobile Krankenstation für Tuberkulose-Kranke, Ausbildungswerkstätten für Mädchen und junge Frauen komplettieren das Engagement. Schließlich eine Manufaktur zur Herstellung von Textilien. Nicht zu vergessen die Haus- und Trinkwasser-Projekte und schließlich den Bau von Kirchen, um dem religiösen Leben der Katholiken eine Heimat zu geben. Kirchen, zu denen auch wir einen Neubau beigesteuert haben.

Weitere Dorfkirchen und ein Kinderkrankenhaus sind die Visionen von Bischof Maipan. Ein charismatischer und tief religiöser Mann, ein begnadeter Prediger und dabei ein Organisator und Einsammler von Hilfsgeldern. Bischof Maipan fordert von sich und seinen Mitstreitern sehr viel. Sie selbst leben in sehr, sehr bescheidenen Verhältnissen. Und dies alles für alle – ohne Ansehen der Person oder Religion. Die Schulen besuchen auch sehr viele Hindus. Für den Bischof kein Problem. „Sie sind alle Kinder Gottes,“ sagt er. Ja, das Geld ist gut angelegt! Ja, wir können bestätigen, dass Ihre Geldspenden, ob für die Trinkwasser-Brunnen, die Ausbildung von Mädchen und jungen Frauen oder Ihre Spende für den Kirchenbau direkt dort ankommen und verwendet werden, wie dies im Sinne der Spender ist. Es sind so viele Eindrücke auf uns eingestürmt in dieser Woche, die viel zu kurz war, um alles zu verdauen, geschweige denn wiederzugeben.

Venkatapuram

Von den chaotischen Verkehrsverhältnissen in Indien haben Sie sicherlich schon gehört. Sie sind aber schlimmer als alle Vorstellungen. Jeder fährt nach dem Motto, „so schnell wie möglich, Hauptsache überleben“. Und so ist es auch. Viele Fahrzeuge sind uralt und klapprig, TÜV unbekannt. Den Führerschein erhält man auf Antrag, ohne Fahrstunden. Die Gefährte sind in unvorstellbarem Maße be- und überladen. Auf einem Motorrad fährt eine vierköpfige Familie: Mann fährt, Frau auf dem Rücksitz und zwei Kinder auf dem Tank. Und dann die Fahrweise – einfach haarsträubend! Es wird links und rechts überholt, wie es beliebt. Man weicht eben einfach auf die Bankette aus. Weiße Trennstriche werden ignoriert. Fahrrad, Auto, Hühner Jeder Verkehrsteilnehmer, ob im Auto, auf Motorrad, Fahrrad, Lastkarren, Fußgänger, Hund oder Huhn versucht in diesem Chaos zu überleben.

Alle behalten dabei die Ruhe. Besonders die Büffel- und Ziegenherden mitten auf der Straße. Nicht so wir. Wir versuchten vom Rücksitz mitzulenken, jeder Verkehrssituation Herr zu werden, den Angstschweiß auf der Stirn. Bis wir bemerkten, dass der Bischof den größten Teil der stundenlangen Fahrten auf dem Vordersitz schlief – nicht einmal angeschnallt. Von da an ergaben wir uns dem Schicksal und hofften, dass auch uns der Schutzengel des Bischofs begleiten möge. Wir haben die acht Tage schließlich auch unbeschadet überlebt.

Herzlicher Empfang 

In den Schulen, die wir besuchten, in den Dörfern, in denen Trinkwasser-Brunnen von unseren Spenden gegraben wurden, empfingen uns die Kinder, Dorfbewohner, die Honoratioren mit einer solchen Herzlichkeit und Freude, die unbeschreiblich ist. Am meisten waren wir – Abt Petrus, Wolfgang Sagmeister und ich – von den direkten Kontakten mit den Menschen berührt. Sie küssten uns die Hände, berührten, umarmten uns und erwarteten von uns eine Handauflegung – und sogar einen Segen. Sie können sich vorstellen, wie einem da zumute ist…

So sah der Brunnen bisher aus

Leider trieb der Bischof im Interesse des toughen Programms immer schnell zum Aufbruch. Und dann der Höhepunkt und Hauptgrund für unsere Indienreise. Die Einweihung von St. Mary’s in Venkatapuram. Die Kirche ist der Mittelpunkt eines kleinen Dorfes mit ca. 75 katholischen Familien. Zur Kircheneinweihung am Sonntag waren aus den umliegenden Gemeinden hunderte von Katholiken angereist. Nur ein kleiner Teil fand in der Kirche Platz, für die übrigen waren Sonnenzelte aufgespannt worden und die Feierlichkeiten wurden über Lautsprecher übertragen. Honoratioren auf dem Truck Wir wurden bereits vor dem Dorf Lakshmipuram von den Honoratioren, dem Kirchenvorstand und den Menschenmassen empfangen und auf einen Kleinlaster bugsiert. Auf der Ladefläche des Trucks der Bischof in seinem weißen Talar, dann wir eingekeilt zwischen den Honoratioren.

Unter schriller Musik setzte sich die Prozession in Bewegung. Unmittelbar vor dem Truck streuten Frauen und Kinder mit riesigen Schalen Blumen. Davor marschierte eine Tanzgruppe in bunten Gewändern und malerischem Kopfschmuck aus Stierhörnern. Ein wenig wie die Perchten bei uns. Die Kirche kam in Sichtweite. Eine imposante Fassade in gelber Farbe mit Türmchen und Heiligenfiguren. Wir setzten den letzten Weg zu Fuß fort, zunächst zu einer Mariengrotte. Dort wurden dem Bischof die Füße mit Milch und Wasser gewaschen. Dann die Marienstatue geweiht. Nun ging es weiter zur Kirche. Auf dem weiten Platz drängte sich die Menge.

Ein grünes Band versperrte die Kirche. Links und rechts vom Kirchenportal waren je eine schwarze Marmortafel angebracht. „St. Mary’s von Bischof Paul Maipan am 26. Februar eingeweiht“, auf der anderen Seite die Namen der wichtigsten Spender aus dem Pfarrverband Aufkirchen. Erneut schrille Musik, dann durfte ich zu den Menschen sprechen. Mein Lob galt den Spendern, dem Pfarrverband und meiner bayerischen Heimat, die ihre Verbundenheit und mit dieser Gemeinde zum Ausdruck gebracht hatte. Nach Gebeten, Gesängen und Weihrauch durfte ich dann das grüne Band durchschneiden. Die Kirche dann eine schlichte Halle in Pink: Ein erhöhter Altar, eine Marienstatue, keine Bänke. Die Kirchenbesucher nehmen auf dem Boden Platz. Bischof Maipan zelebrierte die Heilige Messe zusammen mit sechs Priestern aus den umliegenden Gemeinden.

In Ermangelung von Orgel oder Instrumenten klatschten alle zu den Kirchenliedern mit und schlugen mit den Händen den Takt. Dann Stille und große Aufmerksamkeit für die Predigt des Bischofs. Er hält sie in der Sprache der Einheimischen, Telugu. Wir verstanden kein Wort und sie dauerte eine geschlagene Stunde. Keiner schaut missbilligend auf die Uhr (die meisten besitzen auch keine), keiner gähnte oder schlief ein. Nein, es wurde mit großem Ernst und konzentriert zugehört.  Später, auf die Länge der Predigt angesprochen, erklärt uns der Bischof, dass es sich nicht nur um eine Predigt, sondern eigentlich um Katechese geht. Die Leute, die von weither kommen würden diese Mühe nicht auf sich nehmen, wenn nur zehn Minuten gepredigt werden würde.           Hartmut Bannert

 

 

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